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Designmanagement Blog

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Warum haben Elektroautos einen Kühlergrill?

  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Elektroautos brauchen keinen Kühlergrill. Kein Motor, der Luft ansaugt. Keine Wärme, die abgeführt werden muss. Der Grill vorne ist funktional gesehen sinnlos, und trotzdem haben fast alle Elektroautos einen.


Warum? Weil wir Veränderung nur ertragen, wenn sie vertraut aussieht.


Das ist keine Schwäche. Es ist eine der grundlegendsten Eigenschaften menschlicher Wahrnehmung. Und es hat mehr mit Design zu tun, als man auf den ersten Blick denkt.



Ein Prinzip, das so alt ist wie das Gestalten selbst

Die alten Griechen bauten ihre Tempel aus Stein. Aber sie bauten sie so, als wären sie aus Holz, mit Balken, Fugen und Ornamenten, die an eine längst vergangene Holzbauweise erinnerten. Das Material hatte gewechselt. Die Form blieb.

Heute imitieren Kunststoffe Naturmaterialien. Digitale Oberflächen ahmen Papier und Leder nach. Die Speichern-Schaltfläche in vielen Programmen zeigt noch immer eine Diskette, ein Objekt, das die meisten Nutzerinnen nie in der Hand gehalten haben. Und Hafermilch heißt "Milch", obwohl das in der EU eigentlich verboten ist, weil wir sonst nicht wüssten, wie wir sie verwenden sollen.


Skeuomorphismus nennt man dieses Prinzip. Ein Designprinzip, das weniger mit Ästhetik zu tun hat als mit Psychologie und Identität.


Was Skeuomorphismus wirklich bedeutet

Der Begriff klingt sperrig. Das Prinzip dahinter ist es nicht.

Skeuomorphismus bedeutet: Das Neue zeigt sich in der Sprache des Alten. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Orientierung, weil Menschen Vertrautes brauchen, um Neues zu akzeptieren. Weil Wandel nur so schnell funktioniert, wie Menschen bereit sind, ihm zu folgen.


Design entsteht nie im Vakuum. Selbst das Radikalste funktioniert nur, weil es sich am Alten reibt oder von ihm absetzt. Es braucht den Kontrast, um wahrgenommen zu werden.


Auch künstliche Intelligenz funktioniert so: Sie spricht in menschlicher Sprache, stellt sich vor, denkt in Dialogform, weil wir sonst nicht wüssten, wie wir mit ihr umgehen sollen.


Was das mit deiner Marke zu tun hat

Jetzt wird es konkret.


Wenn du dein Corporate Design entwickelst oder überarbeitest, passiert genau dasselbe. Du bewegst dich immer in einem Spannungsfeld: zwischen dem, was deine Zielgruppe bereits kennt und versteht, und dem, was dich wirklich unterscheidet.


Zu viel Vertrautes: Du wirst nicht gesehen. Du siehst aus wie alle anderen in deiner Branche.

Zu viel Neues: Du wirst nicht verstanden. Menschen wissen nicht, wie sie dich einordnen sollen, und was sie nicht einordnen können, ignorieren sie.


Das Ziel ist nicht Originalität um jeden Preis. Das Ziel ist der richtige Abstand zum Bekannten. Nah genug, um Vertrauen zu erzeugen. Weit genug, um in Erinnerung zu bleiben.


Drei Fragen, die weiterhelfen

Wenn du das nächste Mal an deinem visuellen Auftritt arbeitest oder jemanden beauftragst, sind das die Fragen, die sich lohnen:

  1. Welche visuellen Erwartungen hat meine Zielgruppe an meine Branche? Was kennen

    sie, was erwarten sie, und wo ist der Spielraum, mich davon abzuheben?

  2. Wo bin ich so nah an anderen, dass ich nicht mehr erkennbar bin? Nicht weil mein

    Design schlecht ist, sondern weil es zu sehr im Bekannten verharrt?

  3. Wo bin ich so weit weg vom Gewohnten, dass ich Menschen verliere, bevor sie

    überhaupt verstehen, was ich anbiete?


Das Neue braucht das Alte, und umgekehrt

Der Kühlergrill am Elektroauto verschwindet gerade. Langsam, Modell für Modell, weil die Gewöhnung stattgefunden hat. Weil Elektroautos inzwischen vertraut genug sind, um auf die Referenz ans Alte zu verzichten.


So funktioniert gutes Design. Es begleitet Veränderung, in dem Tempo, in dem Menschen bereit sind, ihr zu folgen. Nicht schneller. Nicht langsamer.


Welche vertrauten Formen stecken noch in deinem Auftritt, die vielleicht längst nicht mehr zu dir passen? Und welche sollten unbedingt bleiben?

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